Radfahrende zuerst: Wie Rotterdam die Regeln für Baustellen umgestaltet

Von der Frustration zum Erfolg: Wie ein politischer Kurswechsel die städtische Mobilität grundlegend verändert hat.

Dieser Artikel wurde von Nick Klaverdijk von Mobypeople verfasst. Nick arbeitet im Auftrag von Mobypeople direkt an den Mobilitätsherausforderungen der Stadtverwaltung Rotterdam und sorgt dafür, dass die städtischen Ziele in praktische und sichere Lösungen im Straßenraum umgesetzt werden.

Es war einmal eine Zeit, in der Radfahrende in Rotterdam kaum Stellenwert hatten. Sobald Bauarbeiten begannen, stellten Bauunternehmen einfach ein paar Zäune auf, das Verkehrszeichen „Verbot für Radverkehr“ dazu und betrachteten die Arbeit damit als erledigt. Doch für die Tausenden von Radfahrenden, die täglich in der Stadt unterwegs sind, sah die Realität anders aus: frustrierende Umwege, gefährliche Manöver oder der komplette Verzicht aufs Fahrrad.

Diese Situation frustrierte nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner, sondern auch viele Mitarbeitenden der Stadtverwaltung Rotterdam. Sie mussten mitansehen, wie Radfahrende Absperrungen umfuhren, auf Gehwege auswichen oder ihre Sicherheit auf vielbefahrenen Straßen riskierten. Es war offensichtlich, dass der bisherige Standardansatz nicht funktionierte.

Die Entscheidung, die alles veränderte

Vor rund einem Jahr traf der Stadtrat eine Entscheidung, die simpel klingt, sich aber als revolutionär erwiesen hat: Radfahrende haben bei sämtlichen Baustellen nun offiziell Vorrang vor Autos. Die zentrale Frage lautete nicht mehr: „Wie und wohin leiten wir den Autoverkehr um?“, sondern: „Wie stellen wir sicher, dass der Radverkehr ungehindert weiterfließen kann?“

Der Unterschied wirkt zunächst gering, aber die Auswirkungen sind enorm. Rotterdam wendet mittlerweile die STOMP-Methode (Stappen (Laufen), Trappen (Radfahren), Openbaar Vervoer (ÖPNV), Mobility as a Service (Geteilte Mobilität), Privéauto (Privates Auto)) an: Zuerst werden Fußgänger*innen und Radfahrende priorisiert, danach der öffentliche Nahverkehr und erst zuletzt der motorisierte Individualverkehr. Bei Großbaustellen bedeutet das unter anderem strengere Anforderungen an Schutzdächer und Durchgangsbreiten.

Politik, die in der Praxis ankommt

Das Ziel ist klar: Ein Radweg wird nur gesperrt, wenn eine hochwertige, lückenlose Alternative bereitsteht. Bei einem Projekt wurde beispielsweise ein provisorischer, drei Meter breiter Einrichtungsradweg errichtet – ein deutlicher Kontrast zu dem ursprünglichen, nur 1,5 Meter breiten und ungeschützten Radstreifen direkt neben dem Autoverkehr.

In Städten wie Kopenhagen und Malmö werden beispielsweise alte Seecontainer als geschützte „Tunnel“ eingesetzt. Damit können Radfahrende Baustellen passieren, ohne auch nur einen Meter Umweg in Kauf zu nehmen.

Lernen durch Handeln

Veränderungen sind selten fehlerfrei. Selbst gute Ideen scheitern, wenn die Umsetzung schlecht ist. Ein Beispiel dafür ist eine Umleitung, die kürzlich auf LinkedIn viral ging: Kritiker bezeichneten sie als ein „Sieh zu, wie du klarkommst“-Chaos. Bei der Überprüfung stellte die Stadtverwaltung Rotterdam fest, dass die Absicht war, den Radverkehr zu priorisieren, die Beschilderung jedoch so verwirrend gestaltet wurde, dass die Botschaft nicht ankam. Eine lehrreiche Erinnerung daran, dass die beste Umleitung der Welt nutzlos ist, wenn die Beschilderung nicht eindeutig ist.

Ein erfolgreiches Beispiel für die Priorisierung in der Praxis ist die Instandhaltung des Asphaltbelags auf der Erasmusbrücke. Die Stadt überließ den Radfahrenden eine eigene Fahrspur und leitete die Autos über die nahegelegene Willemsbrücke um. Damit demonstrierte sie eindrucksvoll, dass der Radverkehrsfluss auch auf den wichtigsten Hauptachsen oberste Priorität hat.

Die nächsten Herausforderungen

Trotz aller Fortschritte sieht die Stadt Rotterdam weiterhin einige Hürden. So umfahren zahlreiche Radfahrende Baustellenabsperrungen oder verschieben Zäune, sogar wenn Verkehrslotsen vor Ort sind. Außerdem zeigt sich, dass insbesondere große Projekte mittlerweile gut angepasst werden, während viele kleinere Arbeiten an Versorgungsleitungen (bspw. an der Kanalisation oder an Wärmenetzen) jedoch weiterhin zu „einfachen“ Lösungen greifen. Die Stadt ist inzwischen zunehmend bereit, Projektgenehmigungen abzulehnen, wenn die geplanten Radverkehrsführungen nicht den städtischen Standards genügen.

Ein Jahr Fortschritt

Ein Jahr nach dem politischen Kurswechsel hat Rotterdam bewiesen, dass Baustellen nicht zum Hindernis für den Radverkehr werden müssen. Im Gegenteil: Sie können als Impulsgeber für temporäre städtische Innovationen dienen.

Während die Arbeit an der Zusammenarbeit mit Bauunternehmen und an der Beschilderung für die Nutzenden weitergeht, ist der grundlegende Wandel fest verankert. Rotterdam ist keine Stadt mehr, die um die Radfahrenden herum plant, sondern eine Stadt, die für sie plant. Jede Baustelle ist jetzt eine Chance, zu beweisen, dass Rotterdam seine Ambitionen als Fahrradstadt ernst meint.

Möchten auch Sie den Straßenbau in Ihrer Stadt von einem Hindernis in eine Chance für den Radverkehr verwandeln? Kontaktieren Sie uns und erfahren Sie, wie wir den Radverkehr fördern und Ihnen mit Strategien, Standards und klarer Kommunikation dabei helfen können, dem Radverkehr auch während Bauphasen Priorität einzuräumen.

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