Study Tour Zwolle: Kleine Stadt, große Umsetzung

Was deutsche Kommunen von einer wachsenden niederländischen Fahrradstadt lernen können und warum gute Mobilität weit mehr ist als ein einzelner Radweg.

Wenn es um Fahrradstädte in den Niederlanden geht, fallen schnell die großen Namen wie Amsterdam oder Utrecht. Zwolle steht seltener im Mittelpunkt. Dabei ist die Stadt mit rund 130.000 Einwohnenden und ihrer Struktur mit vielen mittelgroßen deutschen Städten vergleichbar. Gerade deshalb eignet sie sich besonders gut für die Frage: Wie lässt sich eine wachsende Stadt lebenswert gestalten, welche Rolle kann das Fahrrad dabei spielen und was lässt sich auf den deutschen Kontext übertragen?

Unsere Study Tour am 15. und 16. September 2026 verknüpfte fachliche Einblicke mit dem praktischen Erleben auf zwei Rädern. Gemeinsam mit den Teilnehmenden betrachteten wir dabei nicht nur einzelne Infrastrukturprojekte, sondern vor allem das Zusammenspiel von Mobilitätsplanung, Stadtentwicklung, Lebensqualität und regionaler Zusammenarbeit. Denn eine Study Tour zeigt mehr als ein Konzept auf dem Papier: Sie macht unmittelbar erfahrbar, wie sich dessen Umsetzung im Alltag anfühlt.

Das Team der Study Tour

Bernhard Ensink brachte seine langjährige strategische Erfahrung im internationalen Wissenstransfer ein. Otto Cazemier ergänzte die lokale Perspektive aus Zwolle und seine Erfahrung als strategischer Berater bei Mobycon. Jan Kuhmann und Simon Schenkel begleiteten die Tour organisatorisch und inhaltlich für das DACH-Team.

Tag 1: Integrierte Mobilität in einer wachsenden Stadt

Los ging es im Rathaus von Zwolle. Bei Kaffee und Tee lernten sich die Teilnehmenden kennen und tauschten sich über ihre fachlichen Hintergründe, Erwartungen und Fragen aus. Schon dabei wurde deutlich, wie ähnlich viele Ausgangslagen sind: Kommunen müssen wachsende Mobilitätsbedarfe bewältigen, knappe Flächen sinnvoll verteilen und unter begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen klare Prioritäten setzen.

Kristian Dekker von der Stadt Zwolle eröffnete den fachlichen Teil mit einem Einblick in die langfristige Mobilitätsstrategie der Stadt. Als Verkehrsplaner mit dem Schwerpunkt Radverkehrsnetze und Gebietsentwicklung zeigte er, wie Zwolle Wachstum, Erreichbarkeit und Lebensqualität miteinander verbindet. Im Zentrum stehen vier übergeordnete Aufgaben: die regionale Erreichbarkeit sichern, zusätzliche Belastungen auf der A28 begrenzen, nachhaltige Mobilität stärken und den Mobilitätsbedarf neuer Wohnquartiere frühzeitig berücksichtigen.

Die Diskussion knüpfte unmittelbar an die Erfahrungen der Teilnehmenden an. Veränderung entsteht auch in Zwolle nicht über Nacht. Entscheidend sind eine langfristige Richtung, eine nachvollziehbare Priorisierung und realisierte Beispiele, an denen sichtbar wird, welchen Nutzen neue Lösungen für den Alltag bieten.

Das Fahrrad als Teil eines zusammenhängenden Systems

Anschließend vertiefte Otto Cazemier die Bedeutung des Fahrrads in der Zwoller Mobilitätsstrategie. Die Stadt wächst und steht damit vor Fragen, die auch viele deutsche Kommunen kennen: Wie können neue Quartiere entstehen, ohne zusätzliche Autoabhängigkeit zu erzeugen? Welche attraktiven Alternativen zum privaten Pkw sind dafür erforderlich? Und wie lässt sich der begrenzte öffentliche Raum sinnvoll verteilen?

Zwolle betrachtet das Fahrrad deshalb nicht als ergänzendes Angebot, sondern als tragende Säule des städtischen Mobilitätssystems. Dabei steht nicht eine einzelne Verbindung im Mittelpunkt, sondern ein durchgängiges Netz. Gute Routen sollen zusammenhängend, direkt, sicher, komfortabel und attraktiv sein. Erst im Zusammenspiel dieser Planungsprinzipien entsteht eine Infrastruktur, die im Alltag selbstverständlich genutzt werden kann.

Genauso wichtig ist die Verknüpfung der Verkehrsmittel. Fahrrad, Bus, Bahn, Fuß- und Autoverkehr werden nicht isoliert geplant, sondern als Teile eines Gesamtsystems. Hinzu kommen Stadtentwicklung, Klimaanpassung und die Qualität des öffentlichen Raums.

Der Bahnhof als multimodaler Knoten und öffentlicher Raum

Wie diese integrierte Planung in der Praxis aussieht, zeigte der erste Teil unserer Radtour. Ein zentrales Beispiel ist das Bahnhofsumfeld. Bei der Umgestaltung des Bahnhofsumfelds wurden mehrere Funktionen miteinander verbunden: eine große Fahrradabstellanlage mit direktem Zugang zu den Gleisen, ein neu organisierter Busbahnhof, bessere Verbindungen für den Fußverkehr sowie grün-blaue Elemente, die zur Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität beitragen.

Das Fahrradparkhaus bietet rund 5.800 überdachte Stellplätze und ermöglicht einen direkten Zugang zu den Gleisen. Der Busbahnhof wurde auf die andere Seite des Bahnhofs verlegt und über eine eigene Brücke angebunden. Eine neue barrierefreie Fußgängerbrücke verbindet beide Stadtseiten, während die Begrünung des Vorplatzes die Aufenthaltsqualität erhöht. So wird aus einem reinen Verkehrsknoten ein gut vernetzter und nutzbarer Teil der Stadt.

Gut zu wissen

In vielen bewachten Fahrradabstellanlagen an niederländischen Bahnhöfen sind die ersten 24 Stunden kostenlos. Dieses Modell erleichtert die Kombination von Fahrrad und Bahn und stärkt verlässliche, multimodale Wegeketten.

Mit Push- und Pull-Maßnahmen das Mobilitätsverhalten verändern

Am Isala-Krankenhaus lernten wir ein weiteres Beispiel für integriertes Mobilitätsmanagement kennen. Als großer Arbeits-, Behandlungs- und Besuchsort erzeugt das Krankenhaus eine entsprechend hohe Mobilitäts- und Parkraumnachfrage. Gemeinsam mit Mobycon wurde ein Ansatz entwickelt, der nicht pauschal ein Verkehrsmittel bevorzugt, sondern die unterschiedlichen Mobilitätsmöglichkeiten der Beschäftigten berücksichtigt.

Beschäftigte mit guten Alternativen zum Auto werden dabei unterstützt, für den Arbeitsweg das Fahrrad oder den öffentlichen Verkehr zu nutzen. Gleichzeitig bleiben angemessene Parkmöglichkeiten für Personen verfügbar, die aufgrund längerer Wege oder anderer Rahmenbedingungen stärker auf das Auto angewiesen sind. Damit werden Pull-Maßnahmen, also attraktive Alternativen und positive Anreize, mit Push-Maßnahmen wie einer gezielten Parkraumbewirtschaftung kombiniert.

Der Ansatz macht deutlich: Mobilitätsmanagement funktioniert besonders dann, wenn es differenziert, nachvollziehbar und alltagstauglich ist. Ziel ist nicht, das Auto grundsätzlich auszuschließen. Ziel ist, aktive und nachhaltige Mobilität dort zur naheliegenden Wahl zu machen, wo sie realistisch möglich ist.

Tag 2: Perspektivwechsel auf Quartier und Region

Am zweiten Tag starteten wir am Mobycon-Büro direkt am Bahnhof und fuhren Richtung Stadshagen. Unterwegs wurde der Netzgedanke erneut sichtbar: Gute Mobilität entsteht nicht nur an spektakulären Einzelorten, sondern durch viele aufeinander abgestimmte Verbindungen und Ziele.

Bildungsstandort Deltion: Mobilität auf dem Campus

Unser erster Stopp war das Deltion College, ein großer Berufsschulcampus mit rund 16.000 Lernenden. Der Standort ist gut an das Radverkehrsnetz und den öffentlichen Verkehr angebunden. Eine dichte Busanbindung, Sharing-Angebote und dezentrale Fahrradabstellanlagen erleichtern eine Anreise ohne eigenes Auto. Gleichzeitig ist das Gelände fußverkehrsfreundlich angelegt.

Das Beispiel zeigt, wie Mobilitätsangebote und Campusgestaltung zusammenspielen können. Entscheidend ist nicht nur, dass Alternativen vorhanden sind. Die Angebote müssen sichtbar, direkt erreichbar und in den Tagesablauf integrierbar sein.

Stadshagen: Mobilität von Anfang an mitplanen

Stadshagen wird seit Mitte der 1990er-Jahre im Nordwesten von Zwolle entwickelt. Der wachsende Stadtteil verbindet Wohnraum mit einem eigenen Bahnhof, Bildungs- und Einkaufsmöglichkeiten sowie Freizeit- und Grünangeboten. Viele Alltagsziele liegen nah beieinander und sind direkt zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar.

Besonders interessant ist die zeitliche Reihenfolge der Entwicklung. Wichtige Mobilitätsverbindungen, Versorgungsangebote und öffentliche Einrichtungen wurden frühzeitig in die Entwicklung des Stadtteils einbezogen und mit seinem Wachstum schrittweise erweitert. Schule, Kinderbetreuung, Einkaufsmöglichkeiten, Sportflächen und öffentliche Einrichtungen bilden einen funktionierenden Stadtteil, in dem neue Bewohnende ihren Alltag von Beginn an auch ohne privates Auto organisieren können. Unterschiedliche Wohnformen unterstützen zudem verschiedene Lebensphasen und Haushaltsformen.

Während der Rundfahrt diskutierten wir, wie flächensparende Erschließung, angepasste Stellplatzansätze und ein attraktiver Umweltverbund zusammenspielen. Das Auto wird dabei nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Entscheidend ist vielmehr, dass der Alltag auch ohne eigenes Auto zuverlässig organisiert werden kann. Attraktive Alternativen stehen zur Verfügung, während Autos an geeigneten Standorten gebündelt werden, statt den öffentlichen Raum unmittelbar vor jeder Haustür zu dominieren.

Auch die fünf Anforderungen an gute Radverkehrsverbindungen wurden in Stadshagen praktisch erfahrbar: Das Netz ist kohärent, die Wege sind direkt, die Gestaltung ist sicher, die Oberflächen und Führungen sind komfortabel und die Umgebung ist attraktiv. Wenn diese Qualitäten zusammenkommen, wird Radfahren nicht als Sonderlösung wahrgenommen, sondern als selbstverständlicher Teil des Alltags.

Ein Quartier der kurzen Wege

Das Einkaufszentrum, die Stadkamer als Bibliothek, Bildungs- und Begegnungsorte sowie der Milligerplas (See) als Naherholungsraum liegen im Stadtteil. So lassen sich viele Alltagsaktivitäten ohne lange Wege miteinander verbinden.

Besonders deutlich wurde, wie stark die Planung eines Quartiers die späteren Mobilitätsentscheidungen seiner Bewohnenden mitprägt. Wenn Wege zum Radfahren und Zufußgehen von Anfang an einfach, direkt und attraktiv sind, entstehen ganz andere Voraussetzungen für die tägliche Frage: Wie möchte ich heute unterwegs sein?

Mobilität hört nicht an der Stadtgrenze auf

Ein Abstecher führte uns aus dem Stadtteil in das ländliche Umfeld. Dort betrachteten wir die regionale Wegweisung und das niederländische Knotenpunktsystem. Dabei wurde deutlich, dass ein verständliches und durchgängiges Radverkehrsnetz nicht an kommunalen Grenzen enden darf. Gerade für Pendelwege, Freizeitverkehr und Verbindungen zwischen Nachbarkommunen braucht es abgestimmte Standards und gemeinsame Planung.

Unterwegs im regionalen Netz: Wegweisung und Knotenpunktsystem erleichtern die Orientierung über kommunale Grenzen.

Zurück im Büro griff Otto Cazemier offene Fragen aus den beiden Tagen auf. Dabei ging es unter anderem um Flächenverfügbarkeit, kommunale Zusammenarbeit und die Umsetzung von Radverkehrsverbindungen über Verwaltungsgrenzen hinweg. Die zentrale Erkenntnis: Regionale Mobilität kann nur gemeinsam geplant werden. Verkehrsbeziehungen orientieren sich an Wohn-, Arbeits- und Freizeitwegen, nicht an administrativen Zuständigkeiten.

Was nehmen wir aus Zwolle mit?

Zum Abschluss blickten wir gemeinsam zurück: Was hat besonders beeindruckt? Welche Ansätze sind auf deutsche Kommunen übertragbar? Und welche Rahmenbedingungen müssen dabei berücksichtigt werden?

Die Beispiele aus Zwolle machen deutlich: Nachhaltige Mobilität entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme. Sie entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Stadtentwicklung, Mobilitätsplanung, politischen Prioritäten und einer bewussten Verteilung des öffentlichen Raums. Dafür braucht es eine langfristige Strategie und den Mut, sie Schritt für Schritt umzusetzen. Mobilität sollte nicht erst dann zum Thema werden, wenn Straßen überlastet und Flächen bereits verteilt sind.

Zwolle zeigt, was möglich wird, wenn das Fahrrad nicht nur als Verkehrsmittel, sondern als selbstverständlicher Teil einer lebenswerten Stadt verstanden wird. Dabei geht es nicht darum, niederländische Lösungen unverändert zu übertragen. Entscheidend ist, die dahinterliegenden Prinzipien zu verstehen und zu prüfen, wie sie unter den rechtlichen, räumlichen und politischen Bedingungen deutscher Kommunen angewendet und weiterentwickelt werden können.

Genau darin liegt der Wert einer Study Tour: Sie verbindet Fachwissen mit eigener Erfahrung und schafft Raum für den Austausch zwischen Menschen, die Mobilität in ihren Kommunen konkret gestalten. Wir freuen uns auf weitere Touren und darauf, gemeinsam die Mobilität von morgen weiterzudenken.

Gemeinsamer Abschluss der Study Tour Zwolle 2026 am Hauptbahnhof.

Möchten Sie die niederländische Mobilitätspraxis selbst erleben? Über die Mobycon Academy informieren wir regelmäßig über kommende Study Tours, Masterclasses, Trainings und Webinare. Wenn Sie Fragen haben oder eine eigene Studienreise für Ihr Team planen möchten, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf. Wir freuen uns auf den Austausch!

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Bernhard Ensink

Strategic Advisor

“Nachhaltige Mobilität für alle – das ist es, was für mich zählt. Die Grundlage dafür bildet die Kombination und Integration der Teilsysteme Gehen, Radfahren und öffentlicher Verkehr in einem nachhaltigen Mobilitätssystem. Dies ist auch entscheidend für die Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung.“

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